Johnny Cash – The Man Comes Around

20 Feb

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Zugegeben – ich war noch nie ein Freund der guten alten Country and Western Music. Musiker wie Johnny Cash zähle ich zu ebensolchen Sängern, die mir den Tag verleiden können. Doch was ich hörte, lies mich staunen, – und überzeugte mich, inhaltlich wie melodisch. Mittlerweile gehört er mit zu meinem Musikrepertoire, was mich tagtäglich umdudelt.

Eine Rezension im Rolling Stone von Wolfgang Doebeling über diese Scheibe aus dem Archiv:

Von Geist und Erlösung: das vierte Kapitel der „American Recordings“. Der American Recordings viertes Kapitel, Neues Testament. Die letzten Höllenfahrten trat Johnny Cash als „Solitary Man“ an, in Begleitung von Will Oldham und Nick Cave. Songs, die den Tod deklinierten, seinen Schrecken beschrieben. Die Leere, den Schmerz. Nun geht es primär um Erlösung, nebenher um alte Geschichten und Lehrstücke. Mit Inbrunst und Ingrimm erzählt vom Outsider, aber auf Versöhnung angelegt. Sanft singt diese geborstene, rissige Stimme bisweilen, soft nie. Spirit, sagt Cash, sei das Thema des Albums, und er meine damit den menschlichen Geist. Der durch die Mangel des Lebens gedreht wird und leidet, aber nicht bricht, solange er kämpft. Der Titelsong, eine metaphorisch aufgeladene Halluzination wie im Fieberwahn, scheint dem zu widersprechen, beschwört er doch nicht weniger als das Jüngste Gericht. „One hundred million angels singing“, derweil The Man den Daumen hebt oder senkt: „Some are born and some are dying.“ Die biblischen Bilder seien ihm im Traum erschienen, erklärt Cash. In England. Was immerhin entschuldigt, dass die Queen eine tragende Rolle spielte. Also sprach Liz Windsor zum Träumer: „Johnny Cash, you are like a thorntree in the whirlwind.“ Und Johnny erwachte und dachte. Er dachte lang und fühlte die Schwere und Unausweichlichkeit der Offenbarung im Buckingham Palace auf seinen Schultern. Und er setzte sich darnieder in Demut und schrieb und schrieb. „Dutzende Strophen“, erinnert er sich, „wahrscheinlich zuviel, aber es musste einfach raus.“ Wie es im Song schon heißt. „It’s hard for thee to kick against the pricks.“ Im Übrigen hat uns Cash die meisten Verse seines „merkwürdigen Gedichts“ (JC) gnädig erspart. Ein enger, sperriger Einstieg in eine weite, geräumige Platte, in der Platz ist für unsterbliche Liebe und Einsamkeit, für Trost und Katharsis, aber auch für Populäres und Populistisches. In letztere Kategorie gehört sicher die Orgelsakrale Fassung von Paul Simons therapeutischer Hymne „Bridge Over Troubled Water“, des Garfunkelschen Pathos beraubt und von Fiona Apple schief verträllert. Desgleichen: Ewan McColls Evergreen „First Time Ever I Saw Your Face“, den Cash schlicht und getragen intoniert; „In My Life“, das zum Tafelsilber der Beatles gehört und hier wenig bewegt; „Desperado“ von den Eagles, im Original ein chromglänzender Colt, hier eine rostige Winchester, wiewohl Don Henley harmonisiert; sowie „Danny Boy“, zu Hause in jedes Iren Herz, von Cash verlegt in die Episkopal-Kirche in Los Angeles. Allein mit dem Kantor. Macht hoch die Tür. Es sind die anderen Cuts, die dieses Album fast so essenziell machen wie die drei Vorgänger. Das Drogen-Fanal „Hurt“ aus der Feder des nicht gerade für seine Songkunst geschätzten Trent Reznor. Dasselbe gilt für Sting, dessen „Hung My Head“, die Moritat eines Brudermordes, hier erst ihre wahre Bestimmung findet, zu ruhigen, mahnenden Klavier-Akkorden. „Streets Of Laredo“, eine Western-Adaption des Traditionals „St. James Infirmary“, gehörte Jahrzehnte lang zum Repertoire von Marty Robbins, ebenso wie dessen Gunfighter- Ballade „Big Iron“ natürlich, die indes der Vinyl-Edition vorbehalten bleibt. Wie auch die wunderbar lakonische Version von Jimmy Webbs „Wichita Lineman“. Dass die analoge Doppel-LP fünf Wochen vor der digitalen Volksausgabe in die Läden kam, zeigt: Hier tickt jemand richtig. Die Idee, Depeche Mode zu covern, dürfte Rick Rubin gekommen sein. Ein Geistesblitz, denn „Personal Jesus“ markiert den genuinen Höhepunkt des Albums. Gospel ohne Kitsch, zu lässigem Boogie-Woogie-Piano. Lob auch für die mit Nick Cave gesungene Version des Hank-Williams-Klassikers „I’m So Lonesome I Could Cry“ und jenes „We’ll Meet Again“, mit dem sich bereits 1965 die Byrds vom Mr. Tambourine Man verabschiedeten – und das nun zur schönen Hoffnung berechtigt, dass die American Recordings fortgesetzt werden. So die Instanz will, an die Johnny Cash so fest glaubt. Wenn’s denn hilft..